Verkaufen um jeden Preis?
Manchmal naserümpfend bemerkt, als sei es ein Widerspruch – gar eine wirtschaftliche Fehlentscheidung –, wenn Galerien auf einer Verkaufsmesse Werke mit gesellschaftskritischen Aussagen präsentieren, wird dabei eines außer Acht gelassen: Künstler:innen setzen sich nun einmal mit den Themen ihrer Zeit auseinander, werden von ihnen inspiriert und nutzen ihre Kunst, um Stellung zu beziehen. Sie spüren die Signale der eigenen Zeit auf und bringen der Welt bei, sie zu sehen.
Was hingegen kritisch zu besprechen bleibt, ist der Einfluss, den die benötigte Verkaufbarkeit zunehmend auf Kunst hat. Während viele Künstler:innen antreten, um die Welt zu verändern, streben ihre Käufer:innen oft danach, die bestehende Ordnung zu bewahren. Daher ist auch hier der Einfluss von Hyperreichtum auf die Freiheit von Kunst zu hinterfragen.
Denn, wenn sich Künstler:innen nicht mehr positionieren, um ihre Karrieren nicht zu riskieren, um wirtschaftlich und ausstellbar zu bleiben (hier nicht angesprochen sind kontroverse Haltungen): Welchen Nutzen, welche Bedeutung, welchen Sinn hat Kunst dann überhaupt?
UNLIMITED: Wo die Größe verpflichtet
„Das Einblenden der politischen Realität in diesem Marktplatz ist mir extrem wichtig, Kunst darf nie Ware sein“, bekannte Kurator Gianni Jetzer 2019 anlässlich seiner letzten UNLIMITED in einem Interview mit dem Tagblatt. Das scheint paradox, wenn man bedenkt, dass auf der Messe sonst Rekordumsätze im Vordergrund stehen.
Der UNLIMITED-Sektor ist seit mehr als 25 Jahren das Alleinstellungsmerkmal der Basler Art Basel und bietet beliebte Plattform für überdimensionale Installationen, kolossale Skulpturen, grenzenlose Wandmalereien, umfangreiche Fotoserien, raumgreifende Videoprojektionen und Live-Performances.
Die Eingangssituation zur UNLIMITED verpflichtet zur Artikulation einer Botschaft, und jedes Jahr aufs Neue stehen die Kuratoren vor der Aufgabe diese mithilfe der Werke zu realisieren. In diesem Jahr ist dafür zum ersten Mal Ruba Katrib verantwortlich, Chefkuratorin am MoMA PS1 in New York, nachdem sie den St. Galler Kunsthallen-Direktor Giovanni Carmine beerbt hat. Carmine war 2021 auf Gianni Jetzer gefolgt. Erstmals also eine Frau, dazu erstmals keine Schweizerin, sondern eine US-Amerikanerin und Tochter syrischer Einwanderer.

Entree 2026: Ein US-amerikanisches Statement
Dieses Jahr stehen die Besucher:innen vor einer Wand, auf der, dicht nebeneinander, zehn Uniformen prangen. Es sind vergrößerte Nachbildungen von Polizeiuniformen der L.A.P.D., mit allem ausgestattet, was ein Polizist um 1993 trug: Gürtel, Holster, Schlagstock, Handschellen, eine Beretta und die Kopie einer offiziellen Polizeimarke.
Die textile Installation, eher untypisch für die Arbeitsweise des US-amerikanischen Body Art- und Konzeptkünstlers Chris Burden (1946-2015), nimmt Bezug auf den Fall von Polizeigewalt gegen Rodney King in Los Angeles 1992. Der Freispruch der mehrheitlich weißen Polizisten hatte im Folgejahr zu tagelangen, bürgerkriegsähnlichen Unruhen in der Stadt geführt. Der damals amtierende Präsident George H. W. Bush hatte unter Anwendung des Insurrection Act die Nationalgarde entsendet – bislang das letzte Mal, dass das Gesetz von 1807 angewendet wurde. Doch Donald Trump drohte bereits vergangenes Jahr mehrfach damit, um die gegen ihn gerichteten „No Kings“-Demonstrationen zu unterdrücken. Dann Anfang 2026 erneut gegen die ICE-Proteste in Minnesota.
Ein sehr US-amerikazentrischer Empfang also, den uns Ruba Katrib in ihrem ersten Jahr präsentiert. Dieses Entree hatte ich mir bereits letztes Jahr gewünscht, aber die Installation des Künstlers Danh Vo war nach hinten in die Halle kuratiert worden.
Danh Vo’s Installation „In God We Trust“ (2020) – Ein künstlerischer Kommentar auf den Niedergang der USA
Auf der UNLIMITED der Art Basel 2025 fand sich am hintersten Ende der Halle die Material-Installation von Danh Vo…
Keep readingDoch: Man muss das Entree als Ensemble begreifen. Nur in der Verbindung mit den umgebenden Werken des französischen Installationskünstler Benoît Piéron (*1983) und der monumentalen Malerei des Spaniers Eduardo Arroyo (1937-2018) erhält die von Ruba Katrib geschaffene Situation die erweiterbare Aussage hin zur ungeheuren Resilienz der Menschen – ob im politischen Kampf oder konkreten Überleben. Das wirkt Hoffnung stiftend, beinahe aufrührend.
Dystopie und Widerstand
Im letzten Jahr zog die monumentalste Objekt-Installation, die die UNLIMITED je gesehen hat, quer durch die Halle. Mit „The Voyage – A March to Utopia“ war der niederländische Künstler Joep van Lieshout (*1963) dem menschlichen Bedürfnisstreben nach Glück und Freiheit nachgegangen. Im dystopischen Nebeneinander aus Realem und Surrealem klang düster der Untergang an, den es doch zu vermeiden gilt.

Auf der 2026er-Ausgabe der UNLIMITED – ein Jahr, das uns bereits zu Beginn mit Krisen, Konflikten und Kriegen überrollt hat – sind Werke, die Imperialismus und die sich wandelnde Weltordnung reflektieren.
Im Zentrum der Halle stehen Arbeiten, die sich den Abgründen der Menschheit widmen: Kolonialismus, Krieg, Konsum, Ungleichheit, Autokratie, etc. In den Arbeiten von Muhannad Shono (*1977), Berni Searle (*1964), Moffat Takadiwa (*1983), Nikita Kadan (*1982) und Tuan Andrew Nguyen (*1976) werden Thematiken aufgebrochen, die unsere Gegenwart prägen.

Vergangenes Jahr machte die farbenreiche Malerei des Brasilianers Luiz Zerbini (*1959) auf die Zerstörung des Amazonas aufmerksam. Der mörderische Raubbau des Menschen an seiner lebensnotwendigen (!) Natur wird bereits im Titel des Werkes, „Os Comedores da Terra“ („Die Erdfresser“), angesprochen. Doch unser wunderschöner, farbenfroher Planet ist mehr denn je bedroht: Ein UN-Bericht warnt vor dem am schnellsten voranschreitenden Artensterben in der Geschichte (LINK); alle zehn bis zwanzig Minuten stirbt eine Art aus (LINK). Dazu trägt entscheidend die fortschreitende Zerstörung bei – auf einem Baum im Amazonas leben mehr Arten als in ganz Europa. Ebenso wird der auferzwungene „Fortschritt“ in Form des unregulierten Ausbaus energiefressender und umweltzerstörender Datenzentren in den kommenden Jahren dazu beitragen. Unsere Ökosysteme, an deren Ende der Nahrungskette der Mensch steht (was er zu vergessen scheint), werden zusammenbrechen.
Das Thema ist angesichts der Dringlichkeit in diesem Jahr nicht ausreichend repräsentiert. Im Weitesten kann die naturbezogenen Diorama-Installation der französischen Künstlerin Eva Jospin (*1975) herangezogen werden, deren Thematik jedoch eine völlig andere ist.
Konkret widmet sich der Künstler Timur Si-Qin (*1984) in seiner hybriden Installation dem Thema Klimawandel und den Folgen für Ökosysteme. Anders als die Malerei Zerbinis, die die bedrohte Natur sinnlich erfahrbar macht, ist sie bei Si-Qin tech-artifiziell und scheint einen düster-futuristischen Ausblick zu geben: werden wir diese Vielfalt zukünftig nur in 3-D-Scans erhalten haben?

Je beschissener die Weltlage, desto politischer die Messe
Künstler:innen zeigen uns – subtil oder brachial –, wie es um den Zustand der Erde und unserer Gesellschaften bestellt ist. Sie machen damit selbst keine Politik, aber sie reflektieren und kontextualisieren diese. Im Katalog zur UNLIMITED betont Maike Cruse, Direktorin der Art Basel, dass „in bewegten Zeiten (…) künstlerischen Arbeiten mit politischen Botschaften eine grosse Dringlichkeit zu[kommt] (…).“ Die UNLIMITED sei ein Ort, an dem eine „offene Gesellschaft diskutieren“ und sich selbst verorten könne.
Das macht die UNLIMITED noch nicht zu einer politischen Ausstellung, aber sie kann es durch die Kuration werden. Wie die Werke zueinander in Dialog stehen, leitet sich nicht allein von der Ausgewogenheit zwischen visuell stark wirkenden und eher leiseren Positionen ab, sondern davon, welche Narrative herausgestellt werden. Ruba Katrib legt den Fokus auf Werke, die mit den eigenen Zeiten in Verbindung stehen und doch überzeitlich funktionieren, wodurch sie „prophetischen“ Charakter bekämen. „That’s what’s astounding about great art – it changes context and meaning over time“, so Katrib.
Freiheit der Kunst – Schweigen ist nie Option
Die Diskussion um eine „unpolitische“ Kunstmesse ist obsolet, denn den westlichen Demokratien – auf die wir doch alle so stolz sind – ist die gesellschaftskritische Auseinandersetzung in der Kunst tief eingeschrieben. Kunst nach 1945 war und ist immer politisch, und sie ist es noch, wenn sie keine deutliche Position zur eigenen Zeit bezieht.
So wird die älteste Arbeit auf der diesjährigen UNLIMITED durch den Kontext ihrer Entstehungszeit politisiert: Oskar Schlemmers (1888–1943) Auseinandersetzung mit der idealen Proportion der menschlichen Figur von 1930/31, im vorderen Bereich der Halle sehr ansprechend präsentiert, ist als rein formästhetische Arbeit eigentlich „unpolitisch“. Sie nahm sich einem theoretischen Kunstproblem – keinem zeithistorischen – an. Doch heute, wo wir den Vergleich mit der Prä-Hitler-Ära heranziehen, um zu verstehen, wohin weltweit mit sehenden Augen geschritten wird, wird sie zum Mahnmal. Denn wir sollten das Vorgehen von vor einhundert Jahren als Warnung vor uns haben und doch wird ihm eher als Handbuch gefolgt, statt es zur Vereitelung zu nutzen.
Wer es „unpolitisch“ will, der fordert in Wahrheit ein Mitgehen mit dem, was man nur die Zerstörung von Demokratie nennen kann.
Wer dieser Tage nichts zu sagen hat, sollte bedenken, dass wir in einer Phase leben, die darüber entscheidet, ob wir in Zukunft überhaupt noch etwas sagen können.
Art Basel in Basel vom 18.-21. Juni 2026
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**Alle Bilder ©Nicole Guether
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