Der Kunstmesse-„Kniggö“: Verhaltenstipps, damit Sie auf der Art Basel nicht als Neuling auffallen

Aus dem Inneren der Art World

Die quirligen Tage der ältesten und bedeutendsten Messe für zeitgenössische Kunst sind voller Eindrücke, Gespräche und Blasen an den Füßen. Unzählige Kunstwerke in nur kurzer Zeit – aber auch die ewigselben Gesichter.

Wie im Okavangodelta zur Zeit der größten Dürre strömen aus allen Ecken Vertreter:innen der seltenen Spezies „Kunstconnaisseur“ dürstend an den Rhein – nicht zum Schwimmen, sondern um sich in freier Wildbahn mit ihresgleichen zu verbinden. Ein Spektakel, das jährlich Hunderte prächtige Exemplare an diesem von Kunst und Kultur dicht bestückten Standort zusammenführt.

Wenn Sie kein:e regelmässige:r Besucher:in der Kunstwelt sind, dann gibt es folgende Hinweise zu beachten, wenn Sie nicht als Neuling erkannt werden wollen.

1. Lächeln Sie niemals!

Menschen in der Kunstwelt lächeln aus Prinzip nicht, denn ein Lächeln ist ihnen viel zu banal. Die Welt ist ein düsterer Ort, Kunst dazu da dies zu visualisieren und nur wer es sich leisten kann optimistische:r Kunstfreund:in zu sein, glaubt, dass Kunst daran etwas ändern könne.

Wenn Sie jemanden also anlächeln, dann geben Sie sich als Mensch jenseits der Kunstwelt zu erkennen. Sie outen sich gewissermaßen als schnöde:r Sterbliche:r, als Normalo:a. Das letzte, was Menschen, die auf eine Kunstmesse gehen, sein wollen, sind Normalo:as.

2. Lächeln… wirklich niemals!

Diese erste Regel gilt daher auch für all jene, die zwar nicht kaufen, aber verkaufen. Wer richtig dick im Geschäft ist, oder aber danach strebt, lächelt ebenfalls nicht.

Nicht, weil Sie über dem Irdischen stehen, aber weil Sie tagtäglich an der Sphäre kratzen.

3. Künstler:innen sind von (fast) allen Regeln ausgenommen!

Nur als Künstler:in sind Sie erlaubt zu lächeln. Sie müssen es sogar, sonst können Sie sich schnell den Ruf eines:r arroganten Unsympathe:in erwerben. Und fast niemand gibt gern Unsympath:innen Geld, auch nicht, wenn es um Kunst geht.

Außerdem müssen Künstler:innen zu Anlässen wie Preisverleihungen, Artist Talks, am Stand vor dem Werk, also zu jeglichen Promotionszwecken, wann immer sie ertappt und erkannt werden, öffentlich lächeln, weil alles andere einfach unsympathisch wirkt.

Erst, wenn der/die Künstler:in ganz oben im Kunstolymp angekommen ist, können sie sich die Chuzpe herausnehmen und schwerreiche, aber unsympathische Verweigerer des banalen Lächelns werden.

4. Laufen Sie unbeirrt in Menschen rein!

Weil alle auf einer Messe ganz wichtig erscheinen (wollen) oder es tatsächlich sind, haben die Wenigsten Zeit

1. auf andere zu achten,

2. den eingeschlagenen Weg für andere abzuändern.

Daher laufen alle immer, immer, sehr energisch – weniger eilig, auch wenn die Zeit knapp ist – umher. Angerempelt werden, gehört daher als Messebesucher:in dazu. Erst recht, wenn sie lächeln (s. Punkt 1)! Lächeln Sie daher bloß nicht! Ansonsten werden Sie, nachdem Sie beinahe umgerannt worden sind, mit einem rüden Blick der Missachtung, oder gar Verachtung (?), gestraft.

Es kann auch passieren, dass Sie allen Ernstes bestürzt ob ihrer unverhofften Anwesenheit angestarrt werden. Denn Kunstmenschen empfinden immer ein wenig, dass sie mit der Kunst allein auf der Welt sind. Sie werden in den meisten Fällen daher tatsächlich erst einmal nicht wahrgenommen, sondern wortwörtlich übersehen.

Wenn Sie ins Sichtfeld geraten, dann kann es passieren, dass Sie, zunächst sogar freundlich (!), anvisiert werden. Das ist aber nur der Vorscan! Denn Menschen der Kunstwelt, und Galerist:innen im Besonderen, sind spezialisiert Sie in Millisekundenschnelle zu scannen und zu klassifizieren. Sobald Sie als einfache:r Besucher:in, ergo: nicht Sammler:in, entlarvt werden, werden sie sofort und ohne Erbarmen erneut unsichtbar.

5. Ziehen Sie sich besonders an!

Mit Kleidung tragen Sie Ihre Persönlichkeit vor sich her, also überlegen Sie sich zwei Mal, ob Sie das hier wie gewohnt wollen.

Mutlose cis-Männer werden wohl auch in diesem Jahr wieder bloß nach den altbewährten Seglerschuhen oder (cognacfarbenen) Lederslippern zu Slacks und marineblauem, etwas zu engen (der Sommer beginnt ja erst!), Sakko greifen. Das ist zwar öde, aber die sicher Wahl. Allen anderen steht der Spielplatz frei, sich auszutoben.

Sie müssen nicht den aktuellen Modetrends entsprechen, vor allem nicht, wenn Sie sich irgendwie von der Masse abheben möchten: Schreiende Muster, ungewöhnliche Textilien, Schnitte und Strukturen, was auch immer Ihnen Aufmerksamkeit garantiert, ist drin. Knallbunte Farben, schräger Farbmix, richtig einfallsreich ist es, sich in der Farbe eines ausgestellten Werkes zu kleiden, um davor auch Instagram-tauglich ins Bild gesetzt zu werden. Die Idee hatte tatsächlich noch niemand.

Es muss nicht (mehr) teuer sein, kann aber selbstverständlich! Mittlerweile ist nämlich auch der Assiletten-Trashlook auf der Messe fast schon akzeptiert (der muss aber was gekostet haben).

Natürlich müssen Sie dann allerdings mit einigen Seitenblicken der konservativen Alteingesess:innen in der Farbe der Kulturschakteur:innen – schwarz – rechnen. Aber die wollen Sie dann auch – seien Sie ehrlich!

Wenn schon schräg, dann richtig, zumindest werden Sie so als „kreativ“ wahrgenommen.

6. Telefonieren Sie!

Früher galt das Telefon in der Hand als unhöflich, weil es Sie als unaufmerksam ausweist, oder als desinteressiert an Ihrem Gegenüber. Auf einer Kunstmesse ist es jedoch unverzichtbare Waffe.

Zwar hat heutzutage jeder das Phone ständig in den Händen, aber mit der richtigen Attitüde können Sie zumindest als Sammler:in, oder Berater:in oder Virtual Assistant von Sammler:innen durchgehen, als Blogger:in oder Kunstinfluencer:in – hier insbesondere in Kombination mit einem auffälligen Outfit!

7. Die richtige Dosis nonchalantes connaisse-quoi!

Den Habitus der Langeweile können sich nur sehr wichtige Menschen erlauben; ergo erscheinen Sie wichtig, wenn Sie sich demonstrativ unbeeindruckt geben, was in Hinblick auf Punkt 4 einen erheblichen Unterschied machen kann und wird.

Dabei ist das betonte Starren aufs Handy hilfreich – wer keinen Blick für die Umgebung hat, muss Wichtigeres zu tun haben.

Bewegen Sie sich mit souveräner Gleichgültigkeit durch die Flure und geben Sie keinen Pfifferling auf den Trubel vor den hot hub galleries. Bekunden Sie mit entgeisterter Mine missbilligendes Unverständnis, sollte die Erregung der anderen Ihren Kunstgenuss stören. Die erhobene Augenbraue ist Ihr Rüstzeug.

Lachen Sie ab und an einfach mal herzlich laut auf (also nicht wirklich herzlich, aber sehr laut). Natürlich nur in Gesellschaft, andernfalls wirken Sie wie ein:e arme:r Irre:r, im Zweifelsfall immerhin wie ein:e Performancekünstler:in.

Schrilles Lachen, seien Sie gewarnt, ist kein risikofreies Distinkstionsmittel, und wird nur eingesetzt, wenn man

1. Seine:n alte:n beste:n Bekannte:n zufällig wiedertrifft („Wie war gleich der Name?“), oder

2. Mit einem Glas Ruinart im Innenhof die wohl verdiente Pause einlegt.

Gespieltes Amüsement ist die Königs:innenklasse der Distinktion – es verlangt nicht nur Selbstvertrauen, sondern auch ordentliches Geschick in Don’t-read-the-Room.

8. Nicken Sie verständnisvoll alles ab!

Wenn Sie keine Ahnung von Kunst haben, dann sagen Sie das bloß niemandem! Schauen Sie auch nicht danach aus, als ob Sie das Kunstwerk aus verrottendem Fleisch an dem das Sperma noch abperlt, irritiert.

Nicken Sie einfach bedeutungsschwanger. Denn wenn Sie angeekelte Irritation zeigen – wobei irritierte Kritik erlaubt ist, sofern sie im Kunstsprech vorgetragen wird! – dann geben Sie wie in Punkt 1 zu erkennen, dass Sie hier nicht hergehören.

9. Politisieren Sie niemals vor politischen Werken!

Kunst will heute angeguckt – oder nur gekauft? – werden, nicht mehr ernstzunehmend diskutiert. Das ist viel zu verfänglich und mit Verfänglichkeiten lässt sich kein Geld machen und um Geld geht es nun mal, auf einer Messe für Kunst und mehr noch im täglichen Leben.

Wenn also Künstler:innen schon die audacity besitzen, diese unsäglichen Krisen und Konflikte der Gegenwart zu thematisieren, denen man so unangenehme kaum noch entfliehen kann, trotz aller Zerstreuungen, dann haben Sie Gnade und sprechen nicht noch darüber!

Wir beenden die Monstrositäten auch nicht früher, indem wir sie für die Dauer der schönsten Woche des Jahres zu unserem eigenen Seelenheil nicht mal komplett ausblenden können. Schlechte Gewissen sind so twenty-century.

Fake it till you make it

Sie gehören zum Pöbel und haben dennoch 70 Schweizer Franken berappelt für den Eintritt zu einem Laden, in dem Sie sich nichts weiter leisten können als den Espresso, der Ihnen eine Maulsperre verpasst ob des Preises? Gratulation, Sie müssen Kunst wirklich lieben!

Lassen Sie sich treiben im Haifischbecken, Sie Guppy, Sie naiver Backfisch, wo Sie leichte Portion nichts weiter fürchten müssen als eine Kunst-Installation zu verkennen und sich aus Versehen drauf zu setzen… Genießen Sie diesen Spielplatz der Eitelkeiten und erfinden Sie sich für den Besuch einmal ganz neu. Atmen Sie ein und tauchen Sie ab in die Welt der Kunst, nichtiger Wichtigkeiten, diesem Mikrokosmos der Codes und (un-)sichtbarer Hierarchien, gelenkter Verführung und gespielter Verehrung.

Machen Sie es sich bequem im größten temporären Museum für zeitgenössische Kunst, wo jeden Tag Ware im Millionenwert gewaschen – äh – über den Ladentisch geht, wie Sie das sonst nur von Kaufaktionen am Krabbeltisch kennen. Mit Kinkerlitzchen gibt man sich hier nicht zufrieden und öffnet dennoch gnädig seine Pforten, damit Normalsterbliche wie Sie einmal in den Genuss der Sonne kommen dürfen. Bof, dieu merci!



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