Arm & reich zusammen auf der Kunstmesse: Prekär und trotzdem auf der Art Basel

Die Art Basel & ich

Die Kunstmesse in Basel ist Schaufenster in eine verschlossene Welt. Dabei kann sie tatsächlich zu einem Ort der Begegnung und des Austauschs werden – nicht nur von „Gleich und Gleich gesellt sich gern“, sondern durchaus von Menschen, die in der Realität einander nie begegnen würden.

Nach der Pandemie zurück auf der Art, 2021

Denn über Kunst kommt man ins Gespräch, erfährt und lernt voneinander, lässt geweckte Emotionen zu und teilt sie – Tränen vor einem Kunstwerk lügen nicht. Hier kann es passieren, dass man am Ende seiner Führung in der Gruppe mittelalter, weißer Banker (ja, nur Männer) steht, die mit erhobener Kampffaust meinen, man (!) müsse (endlich wirklich!) mehr für Frauenrechte machen, nachdem sie meine feministische All-Female-Artist-Tour absolviert haben.

Und auch, wenn sich die Wege im Anschluss naturgemäß wieder spätestens vor den Restaurants und Hotels der Stadt trennen, besteht zumindest in Basel die Chance sich am Rhein zum gemeinsamen Schwimmen doch wieder zu begegnen. Es ist alles möglich.

Als Kunstvermittlerin auf der Art Basel

Seit einigen Jahren habe ich die große Freude immer wieder aufs Neue nach Basel zu pilgern, um für die Dauer einer Woche über die Messe zu führen, Besucher:innen die Kunst verständlich zu machen und nahe zu bringen – auch auf der Art Basel 2026 bin ich wieder am Start. Dazu hämmere ich mir jedes Jahr vor Beginn und unaufhaltsam während der Woche hunderte neue Positionen ins Hirn. You have to want it!

Es ist eine besondere Atmosphäre und ich liebe die Energie des hektischen Treibens, wo ich auf begrenzter Fläche jeden Tag viele Kilometer zurücklege und die seltene Chance habe mit Künstler:innen direkt vor ihren Werken ins Gespräch zu kommen, wenn unzählige Nebenevents locken, aber mehr noch das Rheinschwimmen mit Freud:innen und Kolleg:innen zum Feierabend, wenn Basel kurzzeitig kosmopolitisch wird, aber sich seine sommerlich-mediterrane Gelassenheit bewahrt. Wenn Menschen beim Panaché zusammenkommen und alle Unterschiede mit dem Schwimmzeug aufgehoben sind.

Die geballte Wucht von so vielen neuen Werken und die Flut aus Künstler:innennamen, die ich noch nicht kannte oder aber seit langem bewundere, ist belebend wie sonst bloß Sex und erschöpft nach einer Weile genauso zufriedenstellend.

Keith Haring, FDR NY (1984): Monumental und 2024 auf der UNLIMITED endlich wieder im Gesamten zu sehen.

Im Verlauf einer Woche bekomme ich Werke vor die Augen, die seit Langem ungesehen waren, wie 2024 die monumentale Arbeit „FDR NY“ von Keith Haring aus dem Jahr 1984, die Jahrzehnte unzusammenhängend halbverschollen geblieben war.

Ich sehe auch viele atelierfrische Werke, die – auf der Messe vielleicht in eine Privatsammlung verkauft – auf Jahre hinaus nicht öffentlich zugänglich sein werden. Viele Kunstwerke bleiben in lebendiger Erinnerung, wie das sowohl visuell als auch inhaltlich grandiose Werk „A Brief History of Known“ von Nari Ward aus dem post-pandemischen Jahr 2021 – ebenfalls UNLIMITED. Der Ausstellungssektor für monumentalen Werke, die jeden Galerieraum sprengen, ist jedes Mal eindrücklicher Favorit.

Nari Ward, A Brief History of the Known (2021): Über die Geschichte der Underground Railroad.

Dank meiner Arbeit erhalte ich besondere Backstageeindrücke und erfahre spannende Hintergrundgeschichten (die ich allesamt für mich behalte 😉 ), aber vor allem habe ich die besten Erlebnisse während meiner Führungen. Die oben erwähnte Begebenheit mit den mittelalten Bankern war tatsächlich so passiert.

Eine der berührendsten Begegnungen war im vergangenen Jahr, als ich zwei ältere Ehepaare aus New York City führte. Bei der Installation von Jaume Plensa – 21 Aluminiumtüren, die in einen langen Gang eingelassen sind und auf denen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte eingraviert ist – flossen Tränen bei meinen Gästen als wir vor Artikel 20 zur Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit standen. Gerade erst waren in den USA die großen „No Kings„-Demos losgegangen und Trump drohte Kalifornien mit dem unerhörten Einsatz der Armee. Zum Abschied gab es aus dankbarer Rührung eine Umarmung und gegenseitig sorgenvoll vorgetragene Wünsche für die Zukunft.

Klassismus und Kunst: Meine ambivalente Präsenz auf der Messe

Aber ich kann nicht umhin, die Ambivalenz meiner eigenen Präsenz auf der Messe festzustellen: Selbst aufgewachsen in, was sich durchaus als Armut bezeichnen lässt – nach dem Mauerfall in einer Familie, die nur drei Monate zuvor die Ausreise nach West-Berlin bewilligt bekommen hatte -, habe ich trotz erstklassigem Studium an einer von Deutschlands besten Unis nicht den sozialen (sind wir ehrlich: monetären) Aufstieg erreicht (aber das tun, wir wissen’s inzwischen, nur die wenigsten!).

Wer sich für Kunst entscheidet, ohne den notwendigen Hintergrund (oder respektable Heiratsurkunde), der wählt die Stagnation. Dabei bin ich persönlich ja sehr zufrieden mit meinem prekären Jetsetleben als moderne Nomadin mit maximaler Erfahrungsausschöpfung. Bohemien ist man mit vollem Herzen, oder ist es gar nicht.

Doch von so viel Geld umgeben zu sein, das reale Möglichkeiten schafft (-was manche meiner Gäste für ein Werk ausgeben, würde mein Leben auf der Stelle um 180 Grad drehen) und mit Menschen in Kontakt zu kommen, die Meilen (oder Millionen) von der eigenen Realität entfernt sind – und sich diese kaum vorstellen können – ist mitunter ganz schön weird. Schon öfter hat sich in Gesprächen mit meinen Tour-Gästen gezeigt, dass man sich der krassen Kluft zwischen uns gar nicht bewusst ist. Andererseits wurde ich auch schon mal als Minimalismus-Lifestyle-Coachin von einer Gästin angefragt.

Ich weiß nicht, ob Pierre Bourdieu je zur Art Basel kam, aber er hätte heute seine helle Freude beim Auffinden der feinen Unterschiede. Nicht unter den Gästen, sondern zwischen ihnen und dem Messepersonal.

Cheers! Nicole

**Alle Bilder ©Nicole Guether


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