Geschichte zum Sonntag: Katharina de‘ Medici und ihr Einfluss auf Frankreich: Etikette, Schlossbau und die Gabel (2|2)

Teil 2: Was wäre Frankreich ohne die Krämertochter?

Die Geschichte der Katharina de‘ Medici geht weiter! Wenn ihr Teil 1 noch nicht gelesen habt, findet ihr ihn hier

Als eine angeblich ebenso skrupellose wie mysteriöse Herrscherin ging Katharina de‘ Medici, die „Schwarze Königin“, in die Geschichte ein.  Sie habe sich mit Magiern umgeben, mit Hokuspokus ihre Politik betrieben und soll auch vor dem Gebrauch von Gift und kaltblütigem Mordkomplott nicht zurückschreckt haben. Bis heute hält sich dieses Bild einer düsteren Herrscherin. Dabei ist das das Resultat der misogynen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts.

In der konfliktreichen Epoche der Religionskriege regierte Katharina bis zu ihrem Tod 1589 annähernd dreißig Jahre fast uneingeschränkt über das durch Bürgerkriege aufgeriebene Frankreich – dessen Staatskassen obendrein eigentlich immer leer waren. Vielleicht auch deshalb begann sie eine Modernisierungskampagne, die den gesamten Hof disziplinierte und unter ein strenges Protokoll zwang. Dessen Höhepunkt erreichte es ein Jahrhundert später mit dem Sonnenkönig Ludwig XIV.

Bildnis der Katharina de‘ Medici, ca. 1565, Musée Carnavalet, Paris © Nicole Guether 2024

Regentin dreier Söhne in düsteren Zeiten

Das Schicksal hatte es gewollt, dass die Männer in Katharinas Leben von weniger robuster Gesundheit waren als sie selbst. Nach dem plötzlichen Tod ihres Gatten, starb 1560 noch im Jünglingsalter der Erstgeborene nach nur anderthalbjähriger Herrschaft. Beerbt wurde er von seinem Bruder, dem erst zehnjährigen Karl (IX.).

Kaum war Karl (1550-1574) König geworden, brachen die konfessionellen Spannungen zwischen Katholiken und protestantischen Hugenotten in offenen Krieg aus (Erster Hugenottenkrieg). In diesem jahrzehntelangen Konflikt war Katharina als Regentin ihrer unmündigen Söhne unermüdlich bemüht, die Krone der Valois zu sichern. Dazu ließ sie sich jedoch auf das riskante Spiel wechselnder Allianzen ein und spielte die mächtigen Guisen gegen die Bourbonen aus. Letztere hatten als ranghöchste Dynastie nach den herrschenden Valois legitimen Herrschaftsanspruch. Trotzdem standen sie als Protestanten auf einer schwachen Basis.

Hatte Katharina noch die Oberhand über den kränklichen und charakterschwachen Karl IX., verlor sie in späteren Jahren jedoch zunehmend die Kontrolle über ihren angebeteten Lieblingssohn, den ab 1574 herrschenden Heinrich III. Der letzte Valois auf Frankreichs Thron, der kurzzeitig König von Polen war, hegte entgegen seiner Vorgänger eigene politische Ambitionen. Jedoch verlor sich immer wieder in den berüchtigten Ausschweifungen mit seinen mignons.

Katharina, die kluge Propagandistin

An den Höfen von Florenz und Rom erzogen, verstand sich Katharina auf aufwendige Inszenierung und symbolische Politik. Zu Beginn der Herrschaft Karls IX., nach Beendigung des Ersten Hugenottenkrieges, brach Katharina 1564 mit ihrem Sohn und einem Hof von mehreren Tausend Personen zu einer zweijährigen Reise durch das überreizte Land auf.

Der Prunk, mit dem sie in den Städten des Königsreichs empfangen wurden, suggerierte eine Stabilität des Königshauses, die tatsächlich nicht bestand. Diese Huldigungsreise, teilweise zu Hochburgen des Protestantismus im Süden, war ein logistischer und materieller Gewaltakt – und eine enorme Werbekampagne für den unreifen König und die angeschlagene Königsdynastie.

Kultivierung des Königshofes

Kaum in Paris angekommen, hatte die junge Katharina begonnen mit den ungeschliffenen Sitten und Manieren am Hof aufzuräumen. Denn noch bis zu ihrem Erscheinen fraßen selbst die Edlen mit bloßen Händen. Ungeniert rülpsend wurden die zahlreichen Speisen, die alle ungeordnet gleichzeitig zur Tafel gebracht wurden, wild durcheinander verschlungen. Fettes, stark gewürztes Fleisch, dunkler Wein, Pasteten. Rustikal statt Haute Cuisine.

Es waren ihre italienischen Köche, die sich ans Werk machten die französische Küche zu revolutionieren. Nun erfreuten sie den Königshof mit bisher ungekannten kulinarischen Genüssen. Eine dieser Köstlichkeiten war das Speiseeis, das seit der Antike bekannt war. Katharinas Köche fügten diesem ursprünglich Sorbet ähnlichen Eis jedoch Milch hinzu, womit der Siegeszug der cremigen Speise begann. Die französische Küche sähe heute ohne Katharinas Einfluss ganz anders aus.

Aus Italien hatte Katharina auch die bis dato in Frankreich gänzlich ungebräuchliche Gabel mitgebracht. Durch Einführung des aus Spanien kommenden Modetrends der hohen Kragen, wurde sie zum hilfreichen Werkzeug. Der ihr zugetane Schwiegerpapa Franz I., selbst Förderer der Künste, ließ sich die italienischen Einflüsse und Kultivierung seines Hofes gefallen.

Architektur als Machtdemonstration

Auch im Gebiet der Künste, vor allem in der Architektur, erwies sich Katharina als wegweisend. Eine ihrer ersten Amtshandlungen als Regentin war der Auftrag zur Errichtung einer modernen Gartenanlage und Residenz am damals westlichen Abschluss von Paris. Das Tuilerienschloss war das erste Bauvorhaben dieser Größenordnung und wurde zum Vorbild für spätere Vorhaben des Sonnenkönigs.

Mit diesem modernen Repräsentativbau wurde der bis dahin stark mobile Hof dauerhaft in Paris angesiedelt. Damit konnte es überhaupt erst zum dauerhaften Zentrum des Reiches aufsteigen. Diese Urbanisierung des Königshofs nach italienischem Vorbild war den vorherigen Monarchen fremd. Sie hatten es vorgezogen auf dem Land in Nähe ihrer Jagdreviere zu residieren.

Regulierung des Hofes

Auch in Sachen Hofetikett war es Katharina, die strenge Ordnung in ein bisher fürchterliches Durcheinander brachte. Kaum vorstellbar, aber damals konnte sich jeder Dahergelaufene Zutritt zu den Residenzen erschleichen und in die Nähe des Königs gelangen. Ungeladene, selbst Prosituierte und Diebe als Edelleute verkleidet, konnten ihr Unwesen treiben.

Erst mit Katharinas Modernisierungskampagne wurde das Hofleben geregelt. Darauf wurde die Rangfolge nach Pflichten und Rechte bestimmt und der Tagesablauf der im Dienststehenden festgeschrieben. Überhaupt wurde erstmals sichergestellt, dass nur entlohnt wurde, wer auch wirklich als Hofbeamter gelistet war. Auch der Tagesablauf des Königs wurde in ein Zeremoniell gefasst. Das verweist bereits auf jenes des Sonnenkönigs – der ihn auf die Spitze bringen ließ.

Mit alldem war es Katharina de‘ Medici, die den französischen Hof zu einem der größten und prächtigsten Europas machte. Und doch bleibt sie bis heute vor allem als skrupellose Regentin in Erinnerung, nicht jedoch als die ihrer Zeit in vielem vorausdenkende, kluge und einflussreiche Herrscherin.

Quellen:

Jean Orieux, Katharina de‘ Medici, oder die Schwarze Königin, München, 1993.

Caroline Zum Kolk, Zwischen Tradition und Moderne: Katharina von Medici und der französische Hof zur Zeit Karls IX. In: Ulrike Ilg (Hrsg.), Fürstliche Witwen in der frühen Neuzeit – zur Kunst- und Kulturgeschichte eines Standes, Petersberg,
Michael Imhof Verlag, 2015, S. 75-87.



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