„Ein Traum, den man allein träumt, ist nur ein Traum.
Ein Traum, den man gemeinsam träumt, ist Wirklichkeit.“
— Yoko Ono, 1971

Überzeugt von der gesellschaftsverändernden Kraft der Kunst, geht diese bei Yoko Ono mit politischem Aktivismus stets Hand in Hand. Von Anfang an bezieht sie das Publikum mit ein – die Konstante im rastlosen Leben und Werken der inzwischen 92-jährigen. Ganz so, als wolle sie den Makel des Allein-Träumen-Müssens beheben.
Als einen unermüdlichen Beitrag gegen die menschliche Vereinzelung mit den Mitteln künstlerischer Praxis – nicht, um Menschen als dumme Herdentiere vorzuführen, sondern als bewusst mitdenkende, mitfühlende Teilnehmende hervorzubringen – damit ließe sich vielleicht das Lebenswerk Onos am besten beschreiben.
Ein Leben zwischen den Welten
Ono ist als Künstlerin und Aktivistin ihrer Zeit oft voraus gewesen. Mit einer zurückhaltenden Direktheit hat sie sich als Frau im rigiden Nachkriegsklima mutig erlaubt Doublestandards aufzuzeigen. Ob in Japan oder, und hier zusätzlicher Ablehnung als Ausländerin ausgesetzt, in Europa und den USA.
Lange wurde ihre künstlerische Bedeutung durch ihre Ehe mit John Lennon überschattet: Wieder eine Frau, die über ihre Beziehung definiert wurde. Dabei war sie schon eine bekannte und globale Erscheinung, als sie den „Beatle“ 1966 traf.
1933 in der japanischen Präfektur Tokio geboren, erlebte Ono das Ende des Zweiten Weltkriegs als Teenager. Ihre wohlhabenden Eltern hatten sie und ihren jüngeren Bruder aufs Land evakuieren lassen, um den Bomben zu entgehen. Doch Lärm und Versorgungsknappheit dieser Zeit haben tiefe Spuren hinterlassen. Eine unwahrscheinliche Vorstellungskraft, die sie auch den Teilnehmenden ihrer Events, „Anleitungen“ und Performances abverlangt, wurde hieraus geboren.
Ein Philosophiestudium, das sie als erste Frau 1952 an der Gakushuin Universität in Tokio aufnahm, sowie die frühe musikalische Erziehung und ein Studium in Komposition, sind weitere Etappen ihres Lebens, die sich konstant in ihrer künstlerischen Praxis bemerkbar machen.
Instructions
In weitgehend chronologischer Folge zeigt die Ausstellung im Gropius-Bau das sieben Jahrzehnte lange Schaffen der frühen Konzept- und Performancekünstlerin, Musikerin und politischen Aktivistin. Wie schon die große 2013er-Retrospektive in der Frankfurter Schirn anlässlich des 80. Geburtstags, vereint sie bekanntes und weniger bekanntes. Zeichnungen und dokumentarische Fotografien, Archivmaterial, Filme, Installationen, Musik, wohl annähernd Hundert ihrer „Anleitungen“ (Instructions) und eine Auswahl von Aktionen, um nachgemacht zu werden. Ganz in Onos Sinne wird den Besucher:innen also immer mal wieder die Möglichkeit des angeleiteten Sich-Beteiligens gegeben.
Ono begann ihre Instruction Paintings, nachdem sie 1953 zu ihrer Familie gezogen war, die inzwischen in Scarsdale, New York, lebte. In kurzen Sätzen gibt sie in diesen teils absurde Handlungsanweisungen. So z.B. in „Gemälde für eine kaputte Nähmaschine“ von 1961: Eine kaputte Nähmaschine soll in einen Glasbehälter gesetzt, einmal im Jahr an einem verschneiten Abend aufgestellt und mit Steinen beworfen werden. Selbst die Größenangabe des Glasbehälters ist vorgegeben und vor allem, dass „alle darauf Steine schmeißen“. Alle, da ist es. Keine einzelne Tat, sondern im kollektiven Verbund.




Das gerahmte, dunkel gefärbte Blatt mit den schwach lesbaren japanischen Schriftzeichen darauf ist die Anleitung, das eigentliche Werk entsteht jedoch in der Ausführung, oder schon mit den Gedanken daran. Zu Onos ersten Instructions gehört „Lighting Pieces“, wir sehen im ersten Saal im Obergeschoss sowohl die Anleitung des Streichhölzerentzündens als auch den Film und Fotografien.
Ono hat Hunderte dieser Instructions verfasst und 1964 in ihrem Buch „Grapefruit“ herausgegeben. Aber woher kommt diese „Manie“ zum Anleiten? Und haben diese Vorgaben nicht sehr wohl etwas Autoritäres, zuweilen Brutales an sich? Zwar kann man sich ihnen verweigern, setzen sie freiwillige Bereitschaft voraus. Aber, lässt man sich auf sie ein, so liefert man sich unweigerlich dem Willen einer anderen aus.
Doch es gibt auch Anleitungen solcher Art, die dazu auffordern ein Loch in eine Leinwand zu schneiden, damit sich Fremde hindurch im Handreichen begegnen.
Ono, die ihre Anleitungen anfänglich vor Ort meist mündlich an die Beteiligten weitergab, tritt gleichwohl immer in den Hintergrund ihrer Inszenierungen, wird schattenhaft. Sie ist nicht die Strippen ziehende Meisterin, sondern die Motivation.
Performances
Ono tritt mit ihren Instructions den aktiven Part an die Teilnehmenden ab, aber auch in ihren Performances beansprucht sie diesen nicht für sich selbst. Wie eine Komponistin bleibt sie im Hintergrund und lässt ihre Partituren durch ein Orchester ausführen.
Immer findet eine Verschiebung des Fokus von der Bühne auf das Publikum statt, wodurch die Beziehung zwischen Betrachter:innen und Performer:innen thematisiert wird. Die konventionelle Rollenverteilungen – Künstler:in als aktiver Ausführungspart, Betrachter:innen als passive Konsumenten – werden umgekehrt.
In der Ausstellung sind einige ihrer bedeutendsten Performances, oder Happenings, in Filmen und Fotografien dokumentiert, so auch „Cut Pieces“ (1964). Onos „Bag Piece“, das in der kompletten Verhüllungen des Körpers durch einen Sack die Wahrnehmung herausfordert, lädt als „Reenactment“-Station die Besucher:innen ein selbst zu Performer:innen zu werden (wenn sie es sich trauen). Indem wir uns in den schwarzen Sack begeben, verändern wir unsere Perzeption, aber wir werden auch anders wahrgenommen. Umgebung und Identität verlieren ihre angestammte Bedeutung.
Als Frau, die früh zwischen den Welten lebte, zwischen drei Kontinenten immer wieder hin und her zog, Einsamkeit und Depression kannte und immer „the odd one“ war, die, die nirgendwo hingehörte, kennt Ono das Gefühl des Ausgeschlossenseins und das Schutzgefühl im Rückzug.
Mit Onos „Bagism“ lässt sich gut zeigen, wie sie partizipative Kunst einsetzt, um Empfindungen zu schüren. Wie das Gefühl von „unease“, Unbehagen, um in der Katharsis der Performance aufgelöst zu werden.
Ihre Handlungsanweisungen und Performances sind Irritationen des Bekannten, mit denen tradierte Wahrnehmungen und Denkmuster überwunden werden (können).


Aktivismus
Der letzte Bereich der Ausstellung gilt dem politischen Aktivismus Onos, die sich zusammen mit ihrem Ehemann seit den frühen 1970er Jahren verstärkt auf Musik und der Produktion von Filmen konzentrierte. Ja, wir sehen auf einem Monitor auch das berühmte Bed-In. Viel signifikanter – schon, weil in einem halben Jahrhundert nichts von der Aktualität verloren ging – ist hingegen der konzeptuelle Film „Rape“. Er geht auf eine Anleitung Onos aus dem Jahr 1968 zurück und besagt, einer Frau (das Model Eva Majlath) auf offener Straße so lange hartnäckig nachzustellen, bis sie in einer kleinen Gasse gestellt wird. Und wenn möglich so lange, bis sie sich in einer „fallenden Position“ befindet.
Das damit angesprochene Ausgeliefertsein der Frauen in der patriarchalischen Gesellschaft erinnert an die Bär-Mann-Debatte vom letzten Jahr.
Wünsche für ein friedliches Morgen – oder doch Kämpfe?
Die Ausstellung führt in vierzehn Räumen durch Onos bewegtes und beschäftigtes Leben – Tokio, New York, erneut Tokio, wieder New York, schließlich London, abermals New York. Ein privilegiertes Leben nichtsdestotrotz, ein Umstand, der in der Reflexion ihres Werkes immer zu wenig Beachtung findet.
Onos Arbeiten waren immer das Ausloten von Grenzen durch Irritationen und die Auseinandersetzung mit dem Publikum, der Gesellschaft und dem Morgen. Wie lässt sich eine bessere Zukunft gestalten? Das ist die Frage, die hinter allen Arbeiten steht, deren zentrale Themen Machtverhältnisse, Krieg und Frieden sind.
Dabei ließe sich natürlich, ganz ketzerisch fragen, ob Ono denn nun überhaupt erfolgreich war, oder insgesamt eigentlich gescheitert ist… Angesichts der anhaltenden Kriege in der Ukraine und in Gaza, despotischen Herrschenden, die gar nicht an friedlichen Lösungen interessiert sind, wirkt es fast wie Hohn, dass im Atrium des Gropius Baus großformatig das Plakat prangt „Peace is Power“. Wem wird es eigentlich entgegengehalten? Ist es noch eine Mahnung und Versicherung? Wie kann denn Frieden Macht sein, wenn wir ihn nicht erreichen?
Damit man in der Realität nicht völlig missmutig wird, gibt es ja noch Träume und Wünsche. Das hat schließlich auch Ono erkannt. Mit ihrem „Wish Tree“ hat sie einen symbolischen Ort dafür geschaffen. Inspiriert von einem japanischen Tempelritus, sammelt sie seit 1996 Wünsche für den Frieden. In fast 30 Jahren kamen so fast zwei Millionen zusammen, die im IMAGINE PEACE TOWER auf einer Reykjavik vorgelagerten Insel aufbewahrt werden. Auch hier wieder der Aspekt des Kollektivismus – wenn wir schließlich alle zusammen denselben Traum träumen, wird er Realität.


Und doch, eine kleine Ernüchterung gibt es. Liest man sich nämlich einmal die Wünsche der Berliner Besucher:innen durch, so zeigt sich, dass der unberechenbarste Faktor der Mensch bleibt. Jede Banalität lässt sich im Gestrüpp der Äste finden. Und so verständlich auch eine gewünschte Mietwohnung für unter 1500 Euro sein mag – die irgendwie ja auch zum Frieden beiträgt – so enttäuschend ist, dass wir eben doch allein träumen, und viele halt lieber nur für sich selbst.
Vielleicht zum Trost
Doch die Sache ist die: Wenn man den Mut hat, etwas anders zu machen als die anderen, dann hat man die Welt schon ein kleines bisschen verändert. Und, wenn man etwas wie Weltfrieden nicht mal denken kann, wie sollte er dann je möglich sein?
Übrigens: Yoko Ono, die Pionierin!
Wenn eine Frau die Erste in etwas war, das wissen wir, wurde sie aus der Geschichte getilgt: Hilma af Klint, Rosalind Franklin, Lise Meitner…
Yoko Ono war die Erste, die den eigenen – weiblichen – Körper als Austragungsort von Geschlechtermachtkämpfen nutzte; sie hatte noch vor den Guerilla Girls dem MoMa 1971 mit einer fiktiven Ausstellungsanzeige die misogyne Ausstellungspraxis vor Augen gehalten und Ono schuf begehbare Werke, noch bevor der US-amerikanische Minimal-Bildhauer Carl Andre Skulpturen schuf, die betreten werden sollten.
Just saying…
Cheers!
Nicole
„Yoko Ono: Music of the Mind“ bis 31. August 2025
Gropius Bau Berlin, Niederkirchnerstr. 7
https://www.berlinerfestspiele.de/gropius-bau/programm/2025/ausstellungen/yoko-ono
**Alle Bilder ©Nicole Guether, mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung des Beitrags durch Presse und Kommunikation, Berliner Festspiele, Gropius Bau
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