Früher haben Herrschende Kunst gesammelt, um ihre Kultiviertheit zu demonstrieren. Das ist auch der Ursprung der außerordentlichen Sammlung des Kupferstichkabinetts. Denn wahrer Reichtum, dass wusste man, lag in der Förderung und Kenntnis von Kunst. (Das darf man gern als Seitenhieb verstehen!)
Das Museum am Kulturforum präsentiert aus ihrer herausragenden Sammlung der Klassischen Moderne erstmals die eigenen Bestände an Werken des Blauen Reiters – zum Teil nie gesehen. Damit beweist man, dass sich Berlin sehr wohl für die Bayern interessiert hat.

Blaue Reiter:innen
Es war ein überschaubarer Kosmos. Nichtsdestotrotz strahlte der Blaue Reiter nachhaltig aus den oberbayerischen Zentren Murnau, Sindelfingen und Kochel am See in die – europäische – Kunstwelt hinaus. Die Mitglieder und der erweiterte Kreis zählen zu den bedeutendsten Künstlerinnen und Künstlern der Klassischen Moderne. Zu ihnen gehörten Wassily Kandinsky, Franz Marc, August Macke, Paul Klee, Gabriele Münter sowie Jacoba van Heemskerck, Alexej von Jawlensky, Marianne Werefkin, André Derain, Robert Delaunay und Natalja Gontscharowa.
1911 als Redaktionsgemeinschaft initiiert, schufen sie mit dem Almanach eine der wichtigsten programmatischen Künstlerschriften des 20. Jahrhunderts. Er gab einen Überblick über die aktuelle Kunst ihrer Zeit, wobei Werke vergangener Epochen, so auch altägyptische, gegenübergestellt wurden. Damit positionierten die Avantgardist:innen ihre eigene Kunst selbstsicher inmitten jener Tradition, die sie zu überwinden beabsichtigten.
Die Ausstellung: Parcours in acht Kapiteln
Damit die Ausstellung überhaupt möglich wurde, sind die Kuratoren Andreas Schalhorn und Claudia Lojak tief in die Depots hinabgestiegen und haben die eigene Sammlung neu entdeckt, wie man den Kurator im Audioguide selbst erzählen hört.
Damit wird zweierlei erhellt: Zum einen, dass sich ein Sammlungsbestand von über 500.000 Werken nicht einfach mal so restlos kennen lässt. Zum anderen, dass die Aufgabe der Kunsthistoriker:innen sehr wohl auch in der detektivischen Such nach Schätzen besteht.
In acht Kapiteln geht es in einem überschaubaren Parcours gewissermaßen durch die Entwicklungsgeschichte des Blauen Reiters. Der Fokus liegt auf Kandinsky, Marc und Macke, daneben wird eine gute Auswahl des assoziierten Kreises gezeigt. Berücksichtigt werden dabei Aspekte wie die poetisch-malerische Brieffreundschaft zwischen Franz Marc und Else Lasker-Schüler. Auch den „Reiterinnen“ wird ein eigener Blick gewährt. So gestaltet sich eine Ausstellung, die die individuellen Wege künstlerischen Ausdrucks knapp, aber aussagekräftig nachzeichnet. Der Anfang wird beim frühen, „jugendstiligen“ (Andreas Schalhorn) Kandinsky gemacht, womit er zurecht als der Gruppe wichtigster Motor ausgezeichnet ist.
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Farben hören, Töne sehen
Kandinskys Entwicklungsschritte hin zur Abstraktion werden anhand weniger Holzschnitte verfolgt. Vom Frühwerk aus, mit deutlichen Anleihen bei russischer Folklore, wird über das Motiv des Heiligen Georg nahtlos die Überleitung zum Blauen Reiter geschaffen. Wie der heilige Held mit seinem Kampf gegen das Böse, so wollte Kandinsky einen Befreiungsfeldzug gegen das Alte lostreten. Den erreichten die Avantgardisten noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit der Befreiung der Farbe vom Gegenstand. Diese hatte Kandinsky als theoretischer Kopf zuvorderst angestrebt – ganz gleich, ob er in der jüngeren Geschichte nun der erste war, der ein abstraktes Werk schuf. (Wir wissen inzwischen: das war Hilma af Klint!).
Mit wenigen Arbeiten wird erkundet, dass der Synästhetiker – jemand, der verschiedene Sinneseindrücke miteinander verbunden erlebt – Farben in Musik erkannte, und Töne in Farben hörte. Dem wird mit seinem Album „Klänge“ von 1913 Tribut gezollt.
Die Ausstellung setzt an dieser Stelle einen erste Dialog mit Werken von Franz Marc, die er in etwa zeitgleich schuf. Anhand seiner noch sehr naturnahen Wiedergaben von Tieren (Pferde, Wiesel, Hirsch) wird deutlich, wie unterschiedlich beide Künstler zum Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung gearbeitet haben. Der stilistische Wandel setzte bei Marc mit Kandinsky ein und war dann umso schneller gereift, auch wenn er ein „romantischer Expressionist“ blieb.
Provinzieller Schmelztiegel
Die architektonisch geschaffene Gegenüberstellung verweist von Franz Marcs Genesisillustrationen auf Werke August Mackes. Die bedienen mit urbanen Ansichten völlig andere Themen. Mackes modische Damen und Schaufensterbilder waren singulär im engen Kreis des Blauen Reiters. Im Kabinett sehen wir buntmalerische Aquarelle und Kreidezeichnungen (auch ein Ölgemälde ist dabei), die Macke während einer Nordafrikareise schuf. Auch in der Vielfalt seiner Medien deutet sich subtil der kosmopolitische Macke an.
In der zweiten Hälfte der Schau folgen Einblicke auf den Almanach (Kabinett) und in die Schwarz/Weiß-Ausstellung. Anfang 1912 in München eröffnet, brachte sie die lose Gruppe zur Eröffnung der legendären Galerie „Der Sturm“ ins preußische Berlin. Dort präsentierte man sich gemeinsam u.a. auch mit den Künstlern der Dresdner „Brücke“. Trotz künstlerischer Differenzen, denn die waren eben gerade der „heiße Scheiß von Berlin“ (O-Ton Schalhorn). Damit wollen die Kuratoren den Blauen Reiter als „Schmelztiegel“ zeigen. Zwei Blätter von Ernst Ludwig Kirchner signalisieren den thematischen Unterschied zur „Brücke“, dieser älteren expressionistischen Künstlervereinigung. Marc galten sie wohl als zu frivol.



Im Hauptraum wird der Dialog zwischen Marc und Lasker-Schüler vorgestellt. Dahinter jedoch kommt das Kapitel zu den in der Geschichte oft unterschlagenen Künstlerinnen des Blauen Reiters (Münter, Gontscharowa, Heemskerck). Und wenn man den „Reiterinnen“ damit auch den gebührenden Raum einzuräumen beabsichtigte, so isoliert man sie auf diese Weise erneut. Ihr Werke wird losgelöst von denen ihrer männlichen Kollegen gezeigt. Bezüge, wie sie zuvor zwischen Marc und Macke, Marc und Kandinsky aufgezeigt wurden, werden nicht hergestellt. So geht der Austausch mit den Künstlerinnen erneut verloren, und damit etwas von ihrer Bedeutung.
Den etwas hastigen Abschluss, nach einem kurzen Blick auf den „Sturm“ (u.a. mit einem Werk Kokoschkas), machen drei Arbeiten von Jawlensky. Das Porträt einer modischen jungen Frau schielt verheißungsvoll aus dem Bild heraus und in die Zukunft. Das schafft ein offenes Ende und weist schon in die Zeit der Nachkriegsjahre und auf die Periode des Bauhaus.
Fazit
Die Berliner Ausstellung will zeigen, was sie an Werken des Blauen Reiters besitzt, deren weltweit umfangreichste Sammlung im Lenbachhaus in München verwahrt wird. Das ist ein guter Grund, zumal es das erste Mal in der Geschichte des Kupferstichkabinetts ist. Dadurch sehen wir zum Teil Arbeiten, die seit Jahrzehnten nicht mehr in der Öffentlichkeit waren. Erweitert durch ausgewählte Leihgaben aus Berliner Sammlungen, wie der Kunstbibliothek, dem Museum Europäischer Kulturen und der Neuen Nationalgalerie sowie Privatbesitz, schafft man quasi aus dem Stand anhand von 90 Werke gleich noch einen entwicklungsgeschichtlichen Überblick. Chapeau!
Thematisch arrangiert, werden die Blauen Reiter:innen punktuell um Werke von Künstler:innen der Gegenwart addiert. Damit mimt man das Vorgehen des Blauen Reiters in seinem Almanach – das hätte man durchaus ausweiten können. Gelungen war in diesem Zusammenhang das Hinzufügen von Arbeiten der italienischen Konzeptkünstlerin Daniela Comani. Auf diese Weise wird auf die Leerstellen in der Rezeption der Frauen des Blauen Reiters eingegangen.
Gern hätte ich eine stärkere Konzentration auf den Almanach selbst gesehen, da er die Grundidee dieses Zusammenschlusses von Künstlern und Künstlerinnen war. Den Hauptraum der poetisch-malerischen Brieffreundschaft zwischen Marc und Lasker-Schüler zu überlassen, hätte es so zentral nicht gebraucht. Sie ist ja eher eine biografische Notiz beider, weniger ein Kapitel des Blauen Reiters selbst. Aber man hat die Briefe eben, also will man sie auch gebührend zeigen.
Zuletzt sei noch gesagt, dass der Audioguide sehr zu empfehlen ist. Denn beide Kuratoren verstehen es im lockeren Gespräch interessantes Hintergrundwissen zu vermitteln.
Kosmos Blauer Reiter. Von Kandinsky bis Campendonk
Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz (Nähe Potsdamer Platz)
Noch bis zum 15.6.2025!
Kuration: Andreas Schalhorn (Kurator für moderne Kunst), unter Mitarbeit von Claudia Lojak (wissenschaftliche Museumsassistentin in Fortbildung)
*Bilder sind stellenweise unkenntlich gemacht, um das Bildrechtrecht nicht zu verletzen. **Alle Bilder ©Nicole Guether, mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung des Beitrags durch Presse und Kommunikation, Kupferstichkabinett Berlin
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