Globale Freundschaften: Unerwartete Wiedersehen auf Reisen

(verfasst im März 2023)

Und schon wieder ist es mir passiert: Irgendwo auf der Welt begegne ich ungeplant und unverabredet einem Freund. Es ist bereits das fünfte Mal, so langsam beginne ich mich zu fragen, ob ich schon allen Bewohnern dieses Planeten einmal begegnet bin, so dass sie sich beginnen zu wiederholen?

Natürlich glaube ich das nicht, aber wie hoch ist schon die Wahrscheinlichkeit, dass man nicht nur zur selben Zeit im gleichen Land, sondern auch noch dort zur selben Zeit am exakt selben Ort ist?

Obwohl man mit Social Media heutzutage gut über Standorte seiner Bekannten und Freunde informiert sein kann, so man ihn denn teilt, ist es mir nicht einmal untergekommen, dass ich jemanden deshalb begegnet wäre. Immer war es total zufällig und wie vom Schicksal herbeigeführt.

Lagos: Unverhofft kommt oft

Im Winter 2021 entschied ich mich sehr spontan zu einem digital nomad Treffen in der bekannten, aber im Winter eher verschlafenen Stadt im Süden Portugals zugehen. Das Treffen war gut besucht, siedeln sich über den Winter viele digitale Nomaden an der Sonne versprechenden Algarve an.

Ich kam schnell mit unglaublich vielen Leuten aus allen Teilen Europas ins Gespräch. Nur kurz hatte ich mich umgedreht und da passierte es: Auf einmal steht dieser Mann vor mir, dessen Gesicht ich sofort wiedererkenne und er auch meins. Wir gehen ohne lang zu überlegen auf einander zu, als sei keine Zeit vergangen, umarmen uns und fragen mit breitem Lachen im Gleichlaut verblüfft „Was macht’s du denn hier?“

Jonas und ich hatten Abitur zusammen gemacht und so ziemlich seit der Zeugnisübergabe keinen Kontakt gehabt. Und jetzt stehen wir uns gegenüber und rekapitulieren in Kürze die vergangenen, knapp zwei Jahrzehnte.

Sein Gesicht ist das des Jungen von einst, nur etwas älter und von der vielen Sonne gezeichnet. Jonas lebt seit zehn Jahren nomadisch, wie sich herausstellt lebte er einige Zeit auf Bali, dem andere digital nomad hub, und das zu der Zeit als ich dort einen Monat verbracht hatte.

Begegnet war ich ihm damals jedoch nicht, aber auf noch irrerer Weise einem anderen Freund, den ich damals erst wenige Monate zuvor über einen gemeinsamen Freund gemacht hatte.

Bali Belly, oder wie ein Tag ganz anders verlaufen kann

Erschöpft kam ich damals von einer langen Reise aus Hanoi über Kuala Lumpur in Denpasar, der Hauptstadt des indonesischen Inselparadies, an. Dank eines anderen Freundes wartete bereits jemand draußen vor dem Flughafen auf mich und fuhr mich mitten in der Nacht ohne Umwege zu meinem Hostel nach Canggu.

Nach 15stündiger Reise, wobei ich noch in Hanoi auf dem Weg zum Flughafen einen kleinen Unfall hatte, der mich etwas lädiert zurückgelassen hatte, wollte ich nur noch ins Bett fallen und schlafen.

Das tat ich auch umgehend, wenngleich ich nach nur kurzer Rast, es können kaum mehr als anderthalb Stunde gewesen sein, sehr irritiert erwachte. Irgendwas war merkwürdig, und schnell merkte ich, was passiert war.

Wer schon einmal in Südostasien reisen war, wird kennen, wovon ich nun spreche: Mir war der Bali Belly passiert, wobei ich den ironischerweise aus Vietnam nach Bali mitgenommen hatte. Für all jene, die nicht wissen, was ich meine: Ich hatte, um es gewählt auszudrücken, ziemlich schlimme Unstimmigkeiten mit dem Verdauungsakt, die sofortiges Handeln erforderlich machten. Zumal ich mich für die erste Nacht in einem Schlafsaal, dorm, eingebucht hatte, in dem noch drei weitere Personen schliefen.

Völlig erschöpft schleppte ich mich also unter die Dusche, reinigte so gut es mir möglich war, was zu reinigen war, „stahl“ mir ein neues Bettlaken von einem unbenutzten Bett und sank schnell wieder ins Schlummerland hinab.

Naja, auch das wirklich nur für ganz kurze Zeit, ehe ich genauso erschrocken wieder wach wurde, wie zuvor. Daraufhin sagte ich mir, „das war wohl meine Nacht!“, packte alle verschmutzten Laken und Handtücher zusammen und ging nach draußen, wo die Sonne dabei war aufzugehen. „Dann eben mein erster Sonnenaufgang in Bali“, dachte ich mir. Schlafen kann man ja, wenn man tot ist!

Verunsichert, wie ich war, ob ich wach nun wenigstens rechtzeitig verspüren würde, wenn es eilte, war ich froh außer mir nur eine andere Person auf der Terrasse zu sehen. Da war jemand, der wirklich der Sonne beim Aufgehen zu sehen wollte.

Doch, ich schob es zunächst auf meine Müdigkeit, oder halluzinierte ich bereits?, aber der Mann wenige Meter rechts von mir, kam mir bekannt vor. Erstmal vorsichtig und leise sprach ich seinen Namen, unsicher, ob ich mich nicht täuschte. Doch nein, ganz sicher, es war Rodo, mein Freund aus Barcelona.

Es war ein von den Göttern Balis gesandter Glücksfall, dass ich ihn traf. Rodo ging für mich in den kleinen Supermarkt und besorgte mir Kokosnusswasser (Heilmittel!) und der Freund mit dem Rodo reiste, hatte für mich Kohletabletten. Sie ließen mich nicht aus den Augen und gingen sicher, dass es mir gut ging. Denn beide hatten eigentlich für denselben Morgen die frühe Weiterreise geplant – und ich hatte natürlich vor mindestens bis zum Mittag hinein zu schlafen.

Wäre mir nicht passiert, was passiert war, wir wären uns nie begegnet.

Tulum: Erstmal einen Kaffee!

Das dritte Mal, dass ich ohne Vorwissen einem Bekannten aus der Heimat auf der anderen Seite des Planeten traf, war in Mexiko. Ich arbeitete damals mit meinem Laptop gern in einem Café, das ziemlich hip war und schon damit Anlaufstelle Numero Uno für Neuankömmlinge, die nicht gleich wissen, wo sie zuerst hinsollen.

Das Café in Downtown Tulum war proper voll. Ich erhob mich kurz, wollte zur Bar und lief, na klar, direkt in die Arme von Johannes, der mit seiner Freundin gerade erst in der Stadt am Karibischen Meer angekommen war. Beide befanden, dass erstmal ein guter Kaffee nach den Strapazen der Reise sein müsste und so liefen sie geradewegs in den Laden, in dem ich war. Als gebe es keinen anderen Ort in Tulum!

Venedig: La Serenissima

Weniger schicksalshaft vielleicht als meine Begegnung mit Rodo auf Bali, nichtsdestotrotz ziemlich glücklich, verlief mein viertes Aufeinandertreffen in Venedig. Vielleicht erinnert sich jemand, dass mir im letzten Jahr eine ziemlich unschöne Geschichte auf meinem Weg nach La Serenissima passiert war. – Flixbus sei (kein) Dank.

In einer Mischung aus Erschöpfung, Anstrengung und völliger Orientierungslosigkeit aufgrund fehlenden Telefons mit funktionstüchtiger Wegweisung, pflanzte ich meinen müden Körper neben die Stufen eines Kanals und versuchte zumindest die Sonne zu genießen.

Als plötzlich jemand neben mir vorbeilief und verwundert meinen Namen sagte. Es war Norman, ein ehemaliger Kollege aus meinen Heidelberger Jahren und gerade mit seiner Freundin in seinem ersten nach-pandemischen Urlaub durch Italien unterwegs. Sie waren auf dem Weg zum Guggenheim Museum, das gleich um die Ecke lag (was ich nicht wusste, weil, richtig, kein Handy!).

Ich erzählte ihnen, wie mir Flixbus das Desaster des Jahres eingebrockt hatte und wir gingen einen Apérol trinken und am Abend zusammen essen. Für ihre freundliche Aufmunterung bin ich ihnen bis heute dankbar. Und ein freundliches, bekanntes Gesicht bei einem Riesenschlamassel in der „Fremde“ zutreffen, kann manchmal Wunder bewirken.

Las Palmas de Gran Canaria: Der Ozean ist nicht weit!

Jetzt also hier, auf den Kanaren, dem Startschuss in die Neue Welt. Ich laufe vorgestern am kilometerlangen Strand Las Canteras entlang, dessen schwarzer Sand an manchen Tagen ob der vielen Menschen kaum sichtbar ist. Doch an diesem Tag war er fast leer, denn das Wetter war verhangen und windig.

Bei meinem Schweifen über die Szenerie, blickte ich von der Promenade hinunter in den Sand und bemerkte die blonden Locken eines Mannes, dessen Kopf geradeso aus einer tiefen Grube ragt. Der Mann war in Begleitung eines anderen Mannes sowie einem Kleinkind, ganz sicher hat er die Grube für sie zum Spaß gegraben.

Warum auch immer schaute ich ein zweites Mal genauer hin und konnte es kaum fassen, kenne ich diesen Blondgelockten. Er ist einer von jenen aus einer Gruppe von Abenteurern, mit denen ich während des Ausbruchs der Pandemie die Karibik von Guatemala nach Guadeloupe entlang gesegelt war. Das letzte Mal hatte ich ihn gesehen, da war Jonas mit seiner Freundin, kaum waren wir nach 73 Tagen unentwegten Segelns angekommen, direkt auf ein anderes Segelboot aufgesprungen, um den Atlantik nach Europa zu überqueren. Gleiches hat er nun in entgegengesetzter Richtung vor, deshalb ist er hier.

Bali, Tulum, Lagos, Venedig, Las Palmas. Fünf Orte auf dieser bezaubernden Welt, und fünf völlig zufällige Begegnungen mit Leuten aus der Vergangenheit, die damit Gegenwart und Zukunft wurden.

Wem werde ich wohl wo als nächstes begegnen?

Cheers!

Nicole


Entdecke mehr von nicoleguether

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar